Andachten

Pfingsten - was feiern wir?

Liebe Gemeinde,

Pfingsten – eines der höchsten christlichen Feste! Doch was feiern wir da eigentlich?

Was wir an Weihnachten feiern – das können die meisten wohl noch erklären. Vielleicht auch Karfreitag und Ostern – aber Pfingsten?

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche – der weltweiten Kirche.

Immer an Pfingsten – 50 Tage nach Ostern – kamen damals die jüdischen Menschen aus aller Welt nach Jerusalem, um ein großes Erntefest zu feiern. Ein Sprachengewirr hörte man auf den Straßen. Auch die Jünger Jesu waren dort – doch noch hinter verschlossenen Türen. Sie hatten Angst gehabt, wie Jesus verhaftet und getötet zu werden.

Doch dann geschieht es und Lukas erzählt es in der Apostelgeschichte mit wunderhaften Zügen. Der Geist Gottes berührt und verändert die Jünger. Er verändert sie! Plötzlich haben sie Mut, treten heraus auf die Straße und Petrus hält eine große Rede, erzählt von Jesus und was er bedeutet.

Und das Entscheidende: obwohl so viele Menschen aus unterschiedlichen Nationen in der Stadt versammelt sind, können ihn alle verstehen – jeder in seiner eigenen Sprache. Pfingsten – Gottes Geist verbindet die Menschen!

Und dann lassen sich viele, sehr viele taufen – im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Auch Jesus hatte sich von Johannes am Jordan taufen lassen. Und es wird berichtet, dass der Geist Gottes auf ihn herabkam und die Stimme Gottes sagte: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“

Das bewirkt also der Geist Gottes zu allererst: glauben zu können, dass jede und jeder von uns ein geliebtes Kind Gottes ist. Doch nicht nur ich selbst – alle anderen auch – zeichenhaft verbürgt in unserer Taufe.

Wir alle sind durch Gottes guten Geist miteinander verbunden in einer großen weltumspannenden christlichen Gemeinde. Da spielt es keine Rolle, welcher Nation ich angehöre, welche Hautfarbe ich habe, welche Sprache ich spreche. Gottes Geist verbindet uns im gemeinsamen Glauben.

Darum fühlen wir uns ja auch so verbunden mit unseren Brüdern und Schwestern aus der Partnerkirche in Westerville/Ohio. Oder mit den Schwestern und Brüdern unseres Partnerkirchenkreises in Westpapua/Indonesien. Ozeane scheinen uns voneinander zu trennen. Doch im Glauben sind wir ganz eng miteinander verbunden in einer weltweiten Glaubensgemeinschaft.

Das feiern wir an Pfingsten: Gottes Geist, der heute immer noch Menschen zusammenführt – egal, woher sie kommen und wer sie sind. Diesen Heiligen Geist, der Mut macht, der Vertrauen schenkt und der uns alle verbindet, den wünsche ich Ihnen.

Ein frohes Pfingstfest wünscht

Ihr Pfarrer Rainer Schumacher

Mütterlicher Trost

Heute ist Muttertag. Leider kann ich über die Zeitung keine Blumen überreichen, denn ein Zeichen der Wertschätzung hätten die Mütter verdient! Sicher, die Rollen sind heute anders verteilt als noch vor 50 Jahren, aber oft sind es immer noch die Mütter, die sich in erster Linie um Haushalt und Kinder kümmern. Und in Zeiten der Pandemie, wo Kinder über Wochen nicht in den Kindergarten und die Schule gehen konnten, ist das viel Mehrarbeit, zumal wenn auch noch Homeoffice oder die Betreuung der Eltern hinzukommt.

Wie wichtig Mütter sind, wird schon in der Bibel deutlich. Stellvertretend für viele wichtige Müttergestalten seien hier nur Eva, die Mutter aller, und Maria, die Mutter Jesu, genannt. Welchen Stellwert Mütter haben, macht ein Vers des Propheten Jesaja deutlich: „Gott spricht. Ich will euch trösten, wie einen die Mutter tröstet.“ Wir sind es ja gewohnt, uns Gott als Vater, als Herrn oder Allmächtigen vorzustellen. Gott aber ist auch und vor allem einer, der trösten kann wie eine Mutter. Und ich denke, besonders Mütter verstehen sehr gut, was dieses Bild bedeutet: Das Kind in den Arm nehmen, es ganz fest an sich drücken, mit zärtlichen Händen über Haare und Wange streicheln, vielleicht ein Lied summen oder mit sanften Worten gut zureden, geduldig und behutsam abwarten bis das Weinen nachlässt und das Kind spürt: Es ist wieder gut. Wie oft haben Sie, liebe Mütter, liebe Großmütter, das schon getan. Und der Prophet Jesaja sagt: Genauso ist Gott. Wie eine liebende und tröstende Mutter ist er für uns da. Wer daran glauben kann, der kann daraus Kraft und Hoffnung schöpfen, gerade in einer Sorgenzeit wie dieser.

Ich wünsche Ihnen allen einen solchen Glauben und grüße Sie herzlich – ganz besonders die Mütter!

Ihr Pfarrer Uwe Rahn

Vertrauen bedeutet Heimat

Liebe Gemeinde,

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", hören wir schon mal

oder sagen es auch selbst. Manche sprechen von "gesundem Misstrauen", das man haben muss. Misstrauen sei manchmal notwendig. Auch das ist mir nicht ganz fremd.

Mit dem Vertrauen ist das schon so eine Sache. Aber ich fühle auch, dass es guttut, nicht immer alles zu hinterfragen, und hinter jedem Strauch einen Dieb zu sehen. Einfach so offenherzig sein zu können. Bereit zu sein, das Gute zu erwarten. Ich ver-traue jemandem etwas an. Mir wird etwas an-vertraut. Wie wichtig das für unser aller Leben ist. Ver-trauen ist so etwas wie Heimat. Ein Zuhause in dem ich mich sicher fühlen kann.

Mir wird gerade in diesen Zeiten besonders bewusst, dass es ohne Vertrauen gar nicht geht und dass ich auch lernen muss, zu vertrauen. In die Wissenschaft, in die Politik. Ja, Ich darf mich einmischen mit meiner Meinung, Stellung beziehen, muss nicht alles kritiklos hinnehmen. Aber mir sind auch Grenzen gesetzt. Grenzen des Verstehens, Grenzen, alle Zusammenhänge gleichermaßen zu umfassen. Dann tut etwas Bescheidenheit not.

Ich vertraue übrigens tagtäglich mehr als ich mir bewusst bin. Z. B. wenn mein Auto in die Reparatur muss. Wenn ich es abhole, vertraue ich darauf, dass die Mechaniker ordentlich gearbeitet haben, die Radmuttern festgezogen, die Bremsen geprüft sind. 

Wenn ich auswärts essen gehe, vertraue ich darauf, dass das Essen sorgfältig zubereitet ist und die Hygieneregeln eingehalten worden sind.

Ich bin ständig auf viele Menschen angewiesen und muss mich ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen anvertrauen. Vom Elektroinstallateur bis zum Arzt. Ohne Vertrauen geht es nicht.

Und wie sieht es mit meinem Vertrauen dem gegenüber aus, der über dieser Welt steht?

Gott! Dessen Sohn gesagt hat: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." Das heißt doch, dass es Grund genug gäbe, mir weniger Sorgen zu machen, weniger Angst zu haben. Diesem Vertrauen möchte ich im Alltag auch wieder mehr Platz einräumen, um meiner Seele Heimat zu geben. Amen.

Ihr Pfarrer Frank Bracklo

 

 

Reserviert für dich!

Liebe Gemeinde,

eigentlich ist gerade der Wonnemonat Mai angebrochen, in unserer Gemeinde üblicherweise die Zeit der Konfirmationen mit vollen Kirchen und festlichem Rahmen – und passend dazu trägt der Sonntag dieser Woche, der 3. Mai, den Namen „Jubilate“, jubelt! Aber dieses Jahr ist alles anders! Von Wonne ist in den Cafés und auf den Plätzen unserer Stadt nicht viel zu spüren, Gottesdienste mit Nähe und Enge in vollen Kirchen wird es so bald nicht geben und die Konfirmationen werden im September nachgeholt - hoffentlich. Denn weder in der Kirche noch im gesamten öffentlichen oder privaten Leben wissen wir wirklich, was wann wieder möglich und erlaubt sein wird und wie genau es weitergeht. Eine Warte-Situation, die für viele nur schwer zu ertragen ist…

Seit einigen Tagen spukt mir dazu das Bild einer Fensterbank im Kopf herum, die ich vor Jahren im Theater fotografiert habe - in der Pause:

Ein Gläschen Rotwein sollte es sein, in einem der dafür vorgesehenen Räume. Aber alle Tische sind reserviert, gefüllte Gläser oder Flaschen stehen schon bereit. Doch nicht nur die Tische: Auch auf der Fensterbank entdecke ich, einladend aufgebaut, eine Cola und ein Pils samt Gläsern - und einem Schildchen dazwischen: „Reserviert - Fensterbank 2“. Während ich belustigt ein Foto mache, damit ich mir das später noch glaube, kommen zwei Frauen, offensichtlich die „Pächterinnen“ der Fensterbank, dazu und nehmen ebenso fröhlich wie selbstverständlich ihre Stehplätze ein. Als wäre es ein Tisch im Restaurant…

Eine reservierte Fensterbank für ein Getränk im Stehen - das Foto habe ich mir damals eingeprägt. Und habe es in diesen Tagen wieder vor Augen. Ausgerechnet eine Fensterbank: Schon immer der Platz zum Ausschau halten, wer (oder was) kommt. Der Platz für Gespräche über die Straße hinweg, Begegnungen auf Distanz - wie heutzutage. Kein gemütlicher Stuhl am üppig gedeckten Tisch, nur eine Fensterbank; aber die ist reserviert für mich.   

„Reserviert für dich!“ Wie einladend und vorbereitet das klingt! Und so ist es doch auch, zumindest, wenn ich meinem Glauben traue: Dieser Platz, an dem ich gerade bin, ist für mich reserviert. Er kann jederzeit zu dem Ort werden, an dem Gott mir begegnet. In dieser Haltung hat Jesus gelebt: „Gott ganz nah“. Bei ihm ist das nicht von komfortablen Lebenssituationen abhängig. Die Krippe ist nicht komfortabel und das Kreuz erst recht nicht – und dazwischen weiß er oft nicht, wo er sein Haupt hinlegen soll. Trotzdem: „Gott ganz nah“ – diese Haltung ist sozusagen das Erkennungszeichen Jesu.

Erst nach Ostern begreifen seine Jünger den tiefen Grund für diese Haltung. Es ist die Gewissheit, dass „weder Tod noch Leben“, dass nichts und niemand uns von Gottes Liebe trennen kann. So schreibt es Paulus im Römerbrief.

Mir macht dieser Osterglaube Mut, mit Gottes Nähe auch an den Fensterbänken meines Lebens zu rechnen. Zum Beispiel jetzt, in den Ungewissheiten, die mir zu schaffen machen. Ich bin eingeladen zu vertrauen, der Liebe Gottes zu trauen. Jeder neuen Situation mit dieser Haltung des Vertrauens und der Liebe zu begegnen. Bei meinen Konfirmationen kommt seit einigen Jahren ein Lied vor, in dem genau davon gesungen wird: „Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“

Vermutlich ist es das, was der Wochenspruch für den Sonntag Jubilate meint: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“

Ein herzliches „Gott befohlen“!
Ihr Pfarrer Jürgen Schröder

Der gute Hirte

Liebe Gemeinde,

ich grüße Sie mit einem Wort Jesu aus dem Johannesevangelium. Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“

Gerade in solch schweren Zeiten, wie in dieser Corona-Krise, haben wir das Bedürfnis, gut und sicher von Fachleuten und Politikern geführt zu werden, Menschen – Hirtinnen und Hirten – zu haben, die uns gute Wege führen und keinesfalls die fahrlässigen. Wir wünschen uns, geschützt zu sein, gut ans Ziel zu kommen. Das gilt auch jenseits von Corona.

Eine Vielzahl von Hirtinnen und Hirten sind mir in meinem Leben begegnet. Wenn ich zurückschaue, dann finde ich die Menschen, die mich neben meinen Eltern am Nachhaltigsten prägten, in der christlichen Gemeinde. Sie haben mit ihrem Glauben mein ganzes Leben geprägt.

Aber nicht alle haben mir gut getan! Ich bin in der Gemeinde, besonders als  Jugendlicher auch Menschen, Leitungspersönlichkeiten begegnet, die mich eher verunsicherten, als weiterführten. Im Nachhinein erkenne ich: das waren Menschen, die sich sehr autoritär gaben, ohne selbst Autorität im guten Sinne zu besitzen. Es waren Menschen, die neben ihren eigenen Vorstellungen kaum etwas anderes zuließen, die auch einen strengen Gott verkündigten, vielleicht auch deshalb, weil sie selbst in ihrem Leben nie dem guten Hirten begegnet waren.

Mir sind in der Gemeinde auch Menschen begegnet, die in ihrer Leitungsverantwortung das genaue Gegenteil verkörperten: sie ließen die Dinge laufen, wie sie liefen.

Unter den einen habe ich gelitten und die anderen waren überflüssig!

Ganz andere haben mich weitergebracht! Das waren Hirten, die hatten wirklich etwas zu sagen. Das waren Menschen, die sich die Mühe machten, mich, mein Leben, meine Sorgen und Probleme, meine Hoffnungen und meine Ängste zu verstehen. Das waren Menschen, die sich mit mir auseinandersetzten, mit meinem Glauben, mit meinen Zweifeln – Menschen, die keinerlei Bedürfnis hatten, mit ihrem Einfluss zu spielen. Es waren Menschen, die sich denen vertraut gemacht hatten, die ihnen anvertraut waren.

So hat Jesus es vorgelebt und sein Hirtenamt ausgefüllt: als der gute Hirte hat er sich selbst gegeben – konsequent bis in den Tod hinein. Er hat sich nicht selbst bereichert an seiner Herde, sondern hat sie beschenkt. Zwischen ihm und den Seinen herrscht ein Vertrauensverhältnis: „Sie kennen meine Stimme und sie folgen mir!“

Ihm dürfen wir uns anvertrauen – auch in diesen schweren Zeiten.

Ihr Rainer Schumacher

Ein bisschen mehr Gelassenheit

Es ist eine verrückte Zeit. Wohl niemand von uns hat so etwas schon erlebt, dass ein Thema so überpräsent ist. Ich habe mal einen Versuch gemacht und an einem Tag im Abstand von einer halben Stunde mein Radio angeschaltet. Es ging immer um Corona! Und das auf allen Sendern. Morgens, mittags, abends. Und nach der Tageschau eine Sondersendung!

„Ich kann es bald nicht mehr hören“, erzählt mir eine Freundin. „Als wenn es nichts anderes mehr gibt auf der Welt!“ Ich kann sie verstehen.

Tatsächlich gibt es doch so viel anderes. Während ich diese Zeilen schreibe, schaue ich in unseren Garten. Die Sonne scheint, die Blumen blühen, frische Knospen an den Zweigen. Auf der gegenüberliegenden Bank sitzt ein Paar. Die beiden sehen verliebt aus. Das gibt es doch auch noch! Gott sei Dank!

Damit mich keiner missversteht: Ich nehme die Krise ernst. Ich teile die Sorgen vieler Menschen. Ich leide mit denen, die derzeit nicht ihre Angehörigen im Krankenhaus oder in den Heimen besuchen können. Und ich verstehe auch, dass Menschen Angst haben, sich anzustecken. Und trotzdem wünsche ich mir etwas mehr Gelassenheit

Aber wie soll man das machen?

Vielleicht ist es gar nicht so schwer. Einfach mal Radio und Fernsehen abstellen, spazieren gehen, mit offenen Augen und offenen Herzen wahrnehmen, was alles an Schönem um mich herum passiert.

Ob es dadurch gelingt, gelassener zu werden?

Bestimmt nicht sofort. Man muss es wohl üben, einüben, immer wieder.

Jesus selbst nimmt das Wort „Gelassenheit“ nicht in den Mund. Und doch erzählt er davon. Zum Beispiel in dem Gleichnis des Mannes, der seine Saat aussät und sich dann schlafen legt,

Tage und Nächte vergehen, die Saat wächst von selbst. Eine heitere Sorglosigkeit und Gelassenheit sprechen aus solchen Worten. Ein tiefes Gottvertrauen.

Aber auch Jesus ist nicht in jeder Situation gelassen. So ringt er mit Gott im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung. Von seinen Worten am Kreuz ist die leidenschaftliche Anklage überliefert: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Aber auch, dass er sich schließlich in Gott fallen lässt: „In deine Hände befehle ich meinen Geist."

Gelassenheit bedeutet nicht Gleichmut oder dass einem alles egal ist. Wer gelassen ist, kann sich trotzdem engagieren. Aber es geht darum, zu unterscheiden, was wann dran ist. Gerade jetzt in der Krise. Die Sondersendung oder der Spaziergang. Die Pause, die der Seele guttut    oder Engagement, um anderen zu helfen.

Wie heißt es in dem Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Gelassenheit!

Ihr Pfarrer Uwe Rahn

Wer ist arm?

Liebe Leserinnen und Leser,

wer gehört für Sie im Moment zu den Armen?
Ist es der Eisdielenbesitzer an der Ecke, der bei diesem herrlichen Frühlingswetter nicht öffnen darf und der damit finanzielle Einbußen hat?
Ist es ein Familienmitglied, das im Altenheim isoliert und in Angst lebt?
Sind es Menschen, die in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln um ihre Existenz kämpfen?
Oder fühlen Sie sich gerade selbst arm, weil Sie sich Ihrer Freiheit und dem, was Ihr Leben sonst bereichert, beraubt fühlen?
Wer sind die Armen?

Das frage ich mich auch, wenn ich das Evangelium (Markus 14,1-9) für den heutigen Sonntag lese. Dort entsetzen sich die Jünger über eine Frau, die Jesus mit teurem Öl salbt. Dieses hätte man ihrer Meinung nach lieber verkaufen sollen, um das Geld den Armen zu geben. Gerne würde ich die Jünger fragen: Wer sind denn für euch die Armen? Meint ihr, dass einzig und allein diejenigen arm sind, denen es an finanziellen Mitteln mangelt? Bedürfen denn wirklich nur sie unserer Zuwendung?

Gerne würde ich auch Jesus fragen: Wie fühlt es sich für dich an, dass deine engsten Wegbegleiter, denen du mehr als einmal erzählt hast, dass du bald auf grausame Weise sterben wirst, dein Leid, dein Arm sein, nicht anerkennen?

Die Frage, die dieser Text für mich aufwirft ist: Sollte das Leid des Einen weniger wichtig sein als das Leid der Anderen?
Oder anders gefragt: Ist es legitim ein Ranking des „Arm seins“ zu erstellen?
Vergleichen wir da nicht Äpfeln mit Birnen?

Ich muss gestehen, dass ich mich gerade in der aktuellen Situation manchmal selbst dabei ertappe. Wenn ich abends in den Nachrichten indische Tagelöhner sehe, die nicht wissen, wovon sie zukünftig leben sollen und es kein System gibt, dass sie auffängt, denke ich mir schon „Mensch, uns hier in Deutschland geht es immer noch vergleichsweise gut.“
Und trotzdem fühle ich mit dem Eisdielenbesitzer, mit der einsamen und ängstlichen Person im Altersheim und auch mit jemandem, dem es ohne klar benennbaren Grund gerade nicht gut geht mit. Das Arm sein der Einen schmälert nicht das Arm sein der Anderen.
Lassen Sie uns da nicht in die Haltung der Jünger verfallen.

Wichtig ist in meinen Augen die Würdigung des jeweiligen Arms eins oder besser gesagt desjenigen, der das Gefühl hat arm zu sein.

Jesus wird durch die Salbung von der Frau gewürdigt und er würdigt auch sie, wenn er sie und ihr Verhalten vor den Jüngern verteidigt.

Gerade in der aktuellen Situation, in der jede und jeder ganz individuell und unterschiedlich ausgeprägt unter Isolation, Unfreiheit und Ungewissheit leidet, kommt es in meinen Augen darauf an, den Menschen, der mir mit seinem Gefühl von Armut begegnet, ernst zu nehmen.

Lassen Sie uns deshalb billige Trostversuche à la „Stell dich nicht so an! Anderen geht es doch noch viel schlechter“ aus unserem Wortschatz streichen.
Auf Würdigung und Ernstnehmen von Leid und Bedürftigkeit, darauf kommt es an!

Ihre Pfarrerin Annika Wilinski

Vertraut den neuen Wegen

Neulich kam mir der Film „Good Bye, Lenin!“ in den Sinn. Die meisten werden ihn kennen. Und wenn nicht: Die Corona-Krise, in der wir alle möglichst zu Hause bleiben sollen, bietet ja manche Gelegenheit für einen schönen Filmabend.

Zur Erinnerung: Der Film spielt in den letzten Tagen der DDR. Christiane Kerner, eine stramme Sozialistin, erleidet zwei Tage vor dem 9. Oktober 1989 einen Herzinfarkt und verschläft die Wende im Koma. Erst zwei Jahre später wird sie wieder wach – in einer völlig anderen Welt. Vom Mauerfall und von der Wiedervereinigung hat sie nichts mitbekommen.

Warum erzähle ich das? Als ich an den Film dachte, habe ich mir vorgestellt, wenn jemand – aus welchen Gründen auch immer – den letzten Monat verschlafen hätte, er würde unsere Welt auch nicht mehr wiedererkennen. Vor vier Wochen gab es noch kein Kontaktverbot, da haben sich die Menschen in Restaurants und Bars verabredet, die Friseure und Buchläden hatten geöffnet, in unserem Gemeindehaus trafen sich Gruppen. Sicher, das Leben war schon eingeschränkt, aber beileibe nicht so wie heute. Noch am 2. März wurde die Corona-Gefahr vom Robert Koch-Institut als „mäßig“ beurteilt. Das ist gerade mal einen Monat her. Wahnsinn, was seitdem alles passiert ist.

Manchmal fällt es mir schwer, das zu begreifen. Dann kommt mir die Realität wie ein schlechter Traum vor. Wie schwer muss es da erst für jemanden sein, der die Entwicklung verschlafen hat. Das Aufwachen wäre ein Schock.

Genau dieser Gedanke spielt im Film „Good Bye, Lenin!“ eine wichtige Rolle. Denn die Ärzte warnen davor, Christiane Kerner nach ihrem Koma in Aufregung zu versetzen. Das könne tödlich sein. Und so gaukelt die Familie der bettlägerigen Kranken vor, alles sei wie früher. Sogar das Fernsehprogramm wird manipuliert, damit bloß nicht offensichtlich wird, dass es die DDR längst nicht mehr gibt.

Klar, auch ich wünsche mir in diesen Tagen, es wäre wie früher. Wir könnten endlich wieder raus, uns treffen, miteinander feiern, Fußballspiele sehen. Aber was schon im Film nur schwer funktioniert, in Wirklichkeit ist es unmöglich. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Corona hat unsere Welt für immer verändert.

„Alles hat seine Zeit“, heißt es in der Bibel. Zum Leben gehört die Wandlung. Und so tun wir gut daran, nach vorne zu schauen. Im Vertrauen darauf, dass – wie immer auch die Zukunft sein mag – Gott uns auf unserem Weg begleitet. Oder wie es in einem Lied von Klaus Peter Hertzsch heißt, das bezeichnenderweise 1989 entstanden ist:

„Vertraut den neuen Wegen
auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land.

Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit.“

 

Uwe Rahn

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

Zurzeit überschlagen sich die Medien ja gerade mit Sondersendungen über die Coronakrise. Und ich finde es richtig und gut, die Menschen zu informieren und auch den Ernst der Lage herauszustellen. Aber rund um die Uhr auf allen Kanälen, ganz gleich ob im Fernsehen, im Radio oder im Internet? Was erreicht man dadurch? Im schlimmsten Fall führt es dazu, dass Menschen in Panik geraten, dass sie sich ängstigen oder depressiv werden. Das kann keiner wollen!

Ich wünsche mir, dass im Radio und im Fernsehen mehr Sendungen laufen, die mich zum Lachen bringen und mich ein wenig ablenken. Keine Sorge, die Krise werde ich darüber nicht aus dem Blick verlieren.

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.
So hat Hanns Dieter Hüsch gedichtet.

Lachen ist wichtig. Gerade jetzt! Kein hämisches und schadenfrohes Lachen, sondern das Lachen dessen, der sich auch in der Krise noch über Dinge freuen kann, die ihm geschenkt werden.

Und es wird uns doch viel geschenkt. Auch jetzt. Hausmusik von Balkonen, lange Telefongespräche mit Freunden und Nachbarn, Briefe, die geschrieben werden, Einkaufshilfen, Videobotschaften…

Beim Nachdenken darüber, fiel mir mal wieder die Geschichte vom „Bohnensammler“ ein, die ich vor vielen Jahren mal in einem Andachtsheft gefunden habe. Mit meinem Freund Andreas Schulte habe ich ein Lied daraus gemacht. Vielleicht hilft es Ihnen, gerade in dieser schweren Zeit das Schöne zu entdecken und sich das Lachen zu bewahren.

Ich will euch von einem Mann erzählen
der hatte einen seltsamen Tick
Er nahm jeden Morgen bevor er ging
eine Handvoll Bohnen mit
Er wollt’ sie nicht essen, er wollt’ sie nicht pflanzen
die Bohnen, sie halfen dem Mann
dass er sich an all die schönen Momente
des Tages erinnern kann:

 

Eine Tasse Kaffee am Morgen
Ein gemütliches Frühstück im Bett
Ein fröhlicher Plausch auf der Straße
Das Lachen von Jeanette
Ein schattiges Plätzchen im Garten
Ein Buch, dazu ein Glas Wein
Bei allem, was ihn erfreute
griff er in die Tasche hinein

Und nahm eine Bohne und ließ sie von links
in die rechte Tasche wandern
So wechselten sie in manch schönem Moment
von einer Tasche zur andern
Und abends da saß der Mann zu Haus
und schaute die Bohnen an
und dachte an all das Schöne vom Tag
und freute sich noch mal daran

Eine Tasse Kaffee am Morgen…

Die Bohnen, sie wurden täglich mehr
Und das fand der Mann so schön
„So hab ich gelernt die guten Momente
Eines jeden Tages zu sehen.“

Eine Tasse Kaffee am Morgen…

 

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Uwe Rahn

 

 

 

 

 


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